Friday, January 12, 2024

Buchempfehlung: Wie ich meine Uni verlor von Michael Meyen

Kurz gesagt, da spricht mir als ("Wessi"-)Wissenschaftler und Ex-Kunstkritiker einer aus dem Herzen und bestätigt aus professoraler Sicht (eines "Ossis") exakt meine Erfahrungen als Dozent an (mehreren) Exzellenz-Hochschulen. Wer sich für eine echte Verbesserung unseres abge... Bildungssystems interessiert, wird von dieser Lektüre mit Sicherheit profitieren:


Michael Meyen (geboren 1967 auf Rügen) wollte Sportreporter werden, begann in der DDR Journalistik zu studieren und wurde 2002 Professor für Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er hat drei große Forschungsverbünde als Sprecher geleitet und war so mittendrin, als die "alte" Universität im Zeichen von Bologna, Shanghai und Politisierung beerdigt wurde.

Sein Fazit: Das Land steht still. Innovation findet anderenorts statt. Fortschritt auch. Dafür gibt es viele Gründe. Einer davon: die Wissenschaft. Das ist ein Apparat, eine Behörde, eine Anstalt. Unterworfen der Politik, beherrscht von Unternehmen, Stiftungen, Parteien. Nur eine hat dort nichts zu suchen: die Freiheit der Forschung. Der Ostdeutsche Michael Meyen bekennt selbstkritisch: »Ich bin Teil dieses Systems und habe von ihm profitiert.« Als er jedoch dessen Grenzen entdeckte und benannte, war er draußen. Seine in Jahrzehnten erarbeitete Kompetenz als Kommunikationswissenschaftler änderte daran nichts. Man beißt nicht in die Hand, die einen füttert. 

Prof. Meyen analysiert hier erstmals das »System Wissenschaft« der Bundesrepublik. Und stellt damit im Prinzip die Gesellschaft auf den Prüfstand.

Hier kannst Du das Buch kaufen: https://www.eulenspiegel.com/verlage/edition-ost/titel/2546-wie-ich-meine-uni-verlor.html

(Hinweis: Die Academia Tancredi erhält keine Provision, falls Du dieses Buch kaufst.)

 

 

Saturday, December 30, 2023

Jahresend-Spezial: "Kinder, wie die Zeit vergeht"

"Unser David Bowie heißt Heinz Schenk..." sangen in diesem Jahr die Rodgau Monotones anläßlich ihres 45-jährigen Bühnenjubiläums in Hanau... falls ihr nicht wisst, wer David Bowie war - macht nichts!

Zum Jahresausklang hier das Gedicht "Kinder, wie die Zeit vergeht" von Heinz Schenk:

Erst, da kommt man auf die Welt,
ganz egal, ob's uns gefällt.
Danach kommen dann die Zähne,
man vergießt oft eine Träne.
Man lernt krabbeln unter Schwitzen,
anschließend lernt man das Sitzen,
bis man dann von selber steht:
Kinder, wie die Zeit vergeht!

Wenn man laufen kann und spricht,
muss man dann zum Unterricht.
Durch die Schule aller Klassen,
bleibt mal sitzen - wird entlassen.
Dass das Wissen man vermehre,
geht man dann in eine Lehre,
bis man als Gesell da steht:
Kinder, wie die Zeit vergeht!

Danach sieht man in dem Städtchen
hold errötend nach nem Mädchen.
Geht des Öftern mit ihr aus,
bringt sie abends bis vors Haus
und gibt ihr dann noch zum Schluss
zaghaft einen Abschiedskuss.
Bis vor'm Standesamt man steht:
Kinder, wie die Zeit vergeht!

Nun lebt man im Ehestande,
wie in einem Märchenlande.
Bald darauf hat man ein Söhnchen,
das sitzt stolz auf seinem Thrönchen.
Es bekommt die ersten Zähne
und vergießt auch manche Träne,
bis es sitzen kann und steht:
Kinder, wie die Zeit vergeht!

Nun verrinnen rasch die Jahre,
man verliert öfters die Haare.
Das Gesicht kriegt manche Falte
und die Jugend sagt: Der Alte!
Man kann nicht mehr so schnell laufen,
muss beim Treppen steigen schnaufen,
bis das Herzchen stille steht:
Kinder, wie die Zeit vergeht!

Drum seid nett ihr lieben Leute,
macht das Leben euch zur Freude
und genießet alle Stunden!
Lebensjahre sind Sekunden
in dem Ablauf unsrer Zeit.
Denkt daran und seid gescheit!
Allzu schnell ist es zu spät:
Kinder, wie die Zeit vergeht!


Saturday, December 23, 2023

Spezial: Weihnachtslesung "Zimmer 5063" von Gunther Hermann

 

Eine ganz besondere, höchst ungewöhnliche und ergreifende Weihnachtsgeschichte: "Zimmer 5063" aus dem Band "Tanzbefehl" von Gunther Hermann, erschienen 2005 bei Artislife Press Hamburg.

Und hier noch Impressionen vom Traktor-Weihnachtskorso in Südschleswig 2023 -

Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr wünscht die Academia Tancredi!

 


 


Friday, November 3, 2023

Human Words Project

 

Die Academia Tancredi unterstützt das "Human Words Project".

Worum geht es? Die Organisatoren führen aus:

"Als Reaktion auf die zunehmende Fähigkeit künstlicher Intelligenz, scheinbar mühelos wohlgeformte Prosa zu verfassen, haben wir in diesem Frühjahr begonnen, über das Projekt "Human Words" zu sprechen. Wie viele, die Wörter lieben und mit ihnen arbeiten, waren wir beunruhigt. Was, so fragten wir uns, könnte die Zukunft der Sprache in einer Welt sein, in der Maschinen sprechen und schreiben können, was bisher nur Menschen zu können schienen? 

Wir sind der Meinung, dass die künstliche Intelligenz eine Einladung ist, mit neuer Energie das zu feiern, was menschliche Worte schon immer in einzigartiger und kraftvoller Weise konnten. Menschliche Worte sind verkörpert: Sie entstehen, formen sich und fließen aus unserer Körperlichkeit heraus. Erkundet diese Website, macht mit und feiert mit uns, was menschliche Worte bewirken können!"

Besonders interessant ist dabei die Rubrik "human words that saved my life": https://www.humanwordsproject.com/humanwordsthatsavedmylife

Mit dem obigen Logo, das auf der web site der Organisatoren in verschiedenen Farbvarianten zum kostenlosen Herunterladen zur Verfügung steht, können alle Schreibenden auf bzw. in ihren web sites, blogs, mails, posts etc. versichern, dass der verfasste Text tatsächlich von einem echten Menschen stammt. So auch hier...

Bitte weitersagen!


Friday, October 20, 2023

Die Westminster-Erklärung für Meinungsfreiheit

 


Die Westminster-Erklärung

Wir schreiben als Journalisten, Künstler, Autoren, Aktivisten, Technologen und Wissenschaftler, um vor der zunehmenden internationalen Zensur zu warnen, die jahrhundertealte demokratische Normen zu untergraben droht.

Wir kommen von links, rechts und aus der Mitte und sind uns einig in unserem Bekenntnis zu den universellen Menschenrechten und zum Recht auf freie Meinungsäußerung, und wir sind alle zutiefst besorgt über die Versuche, geschützte Meinungsäußerungen als "Fehlinformation", "Desinformation" und mit anderen schlecht definierten Begriffen zu bezeichnen.

Dieser Missbrauch dieser Begriffe hat zur Zensur von Bürgern, Journalisten und Dissidenten in Ländern auf der ganzen Welt geführt.

Ein solcher Eingriff in das Recht auf freie Meinungsäußerung unterdrückt eine ernsthafte Diskussion über Angelegenheiten von dringendem öffentlichem Interesse und untergräbt die Grundprinzipien der repräsentativen Demokratie.

Weltweit arbeiten staatliche Akteure, Social-Media-Unternehmen, Universitäten und Nichtregierungsorganisationen verstärkt daran, die Bürger zu überwachen und ihnen ihre Stimme zu nehmen. Diese groß angelegten und koordinierten Bemühungen werden manchmal als "industrieller Zensurkomplex" bezeichnet.

Dieser Komplex wird oft durch direkte Regierungsmaßnahmen betrieben. In Indien[1] und der Türkei[2] haben die Behörden die Befugnisse erlangt, politische Inhalte aus den sozialen Medien zu entfernen. Der Gesetzgeber in Deutschland[3] und der Oberste Gerichtshof in Brasilien[4] kriminalisieren politische Äußerungen. In anderen Ländern drohen Maßnahmen wie das irische "Hate Speech"-Gesetz[5] , das schottische "Hate Crime"-Gesetz[6] , das britische "Online Safety"-Gesetz[7] und das australische "Misinformation"-Gesetz[8] die Meinungsfreiheit stark einzuschränken und eine abschreckende Wirkung zu entfalten.

Der industrielle Zensurkomplex arbeitet jedoch mit subtileren Methoden. Dazu gehören die Filterung der Sichtbarkeit, die Kennzeichnung und die Manipulation von Suchmaschinenergebnissen. Durch Deplatforming und Tagging haben die Zensoren der sozialen Medien bereits legitime Meinungen zu Themen von nationaler und geopolitischer Bedeutung zum Schweigen gebracht. Sie taten dies mit voller Unterstützung der "Desinformationsexperten" und "Faktenprüfer" in den Mainstream-Medien, die die journalistischen Werte der Debatte und intellektuellen Auseinandersetzung aufgegeben haben.

Wie die Twitter-Affäre (Twitter Files) gezeigt hat, üben Technologieunternehmen in Absprache mit Regierungsstellen und Nichtregierungsorganisationen häufig eine zensorische "Inhaltsmoderation" aus. Bald wird die EU-Gesetzgebung zu digitalen Diensten diese Beziehung formalisieren, indem Plattformdaten an "überprüfte Forscher" aus dem NGO- und Wissenschaftsbereich weitergegeben werden.

Einige Politiker und Nichtregierungsorganisationen[9] zielen sogar auf Ende-zu-Ende-verschlüsselte Messaging-Apps wie WhatsApp, Signal und Telegram ab.[10] Wenn die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung aufgehoben wird, haben wir keine Möglichkeit mehr, vertrauliche Gespräche in der digitalen Sphäre zu führen.

Obwohl ausländische Desinformation zwischen Staaten ein echtes Problem ist, werden Behörden, die diese Bedrohungen bekämpfen sollen, wie die Cybersecurity and Infrastructure Security Agency in den Vereinigten Staaten, zunehmend gegen die Öffentlichkeit gerichtet. Unter dem Deckmantel der Schadensvermeidung und des Wahrheitsschutzes wird die Meinungsäußerung als erlaubte Handlung und nicht als unveräußerliches Recht behandelt.

Wir erkennen an, dass Worte manchmal Anstoß erregen können, aber wir lehnen die Vorstellung ab, dass verletzte Gefühle und Unbehagen, selbst wenn sie akut sind, einen Grund für Zensur darstellen. Ein offener Diskurs ist der Grundpfeiler einer freien Gesellschaft und unerlässlich, um Regierungen zur Rechenschaft zu ziehen, schwache Gruppen zu stärken und die Gefahr von Tyrannei zu verringern.

Der Schutz des Rechts auf freie Meinungsäußerung gilt nicht nur für Ansichten, denen wir zustimmen, sondern wir müssen auch die Ansichten schützen, die wir entschieden ablehnen. Nur in der Öffentlichkeit können diese Meinungen gehört und angemessen angefochten werden.

Darüber hinaus haben sich unpopuläre Meinungen und Ideen immer wieder als Allgemeinwissen durchgesetzt. Wenn wir bestimmte politische oder wissenschaftliche Positionen als "Fehlinformation" oder "Desinformation" abtun, laufen unsere Gesellschaften Gefahr, in falschen Paradigmen stecken zu bleiben, die der Menschheit hart erarbeitetes Wissen vorenthalten und die Möglichkeit, neue Erkenntnisse zu gewinnen, zunichte machen. Die Freiheit der Meinungsäußerung ist unsere beste Verteidigung gegen Desinformation.

Der Angriff auf die Redefreiheit ist nicht nur eine Frage verzerrter Regeln und Vorschriften - es ist eine Krise der Menschheit selbst. Jede Kampagne für Gleichheit und Gerechtigkeit in der Geschichte hat sich auf ein offenes Forum für abweichende Meinungen gestützt. In zahllosen Beispielen, darunter die Abschaffung der Sklaverei und die Bürgerrechtsbewegung, hing der gesellschaftliche Fortschritt von der Meinungsfreiheit ab.

Wir wollen nicht, dass unsere Kinder in einer Welt aufwachsen, in der sie Angst haben müssen, ihre Meinung zu sagen. Wir wollen, dass sie in einer Welt aufwachsen, in der ihre Ideen offen geäußert, erforscht und diskutiert werden können - eine Welt, die den Gründern unserer Demokratien vorschwebte, als sie das Recht auf freie Meinungsäußerung in unseren Gesetzen und Verfassungen verankerten.

Der erste Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten ist ein gutes Beispiel dafür, wie das Recht auf Meinungs-, Presse- und Gewissensfreiheit gesetzlich verankert werden kann. Man muss nicht in allen Fragen mit den USA übereinstimmen, um anzuerkennen, dass dies eine wichtige "erste Freiheit" ist, aus der sich alle anderen Freiheiten ableiten. Nur durch die Meinungsfreiheit können wir Verletzungen unserer Rechte anprangern und für neue Freiheiten kämpfen.

Es gibt auch einen klaren und soliden internationalen Schutz der Meinungsfreiheit. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR)[11] wurde 1948 als Reaktion auf die Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs verfasst. Artikel 19 der AEMR besagt: “Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.” Während es für Regierungen notwendig sein kann, einige Aspekte der sozialen Medien zu regulieren, wie z.B. Altersbeschränkungen, sollten diese Regulierungen niemals das Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung verletzen.

Wie in Artikel 19 klargestellt wird, ist die logische Folge des Rechts auf freie Meinungsäußerung das Recht auf Information. In einer Demokratie hat niemand ein Monopol auf das, was als wahr angesehen wird. Vielmehr muss die Wahrheit durch Dialog und Debatte gefunden werden - und wir können die Wahrheit nicht finden, ohne die Möglichkeit des Irrtums zuzulassen.

Die Zensur im Namen des "Schutzes der Demokratie" verkehrt das System der Repräsentation, das von unten nach oben verlaufen sollte, in ein System der ideologischen Kontrolle von oben nach unten. Diese Zensur ist letztlich kontraproduktiv: Sie sät Misstrauen, fördert die Radikalisierung und delegitimiert den demokratischen Prozess.

Angriffe auf die Meinungsfreiheit waren in der Geschichte der Menschheit stets Vorboten für Angriffe auf alle anderen Freiheitsrechte. Regime, die die Meinungsfreiheit untergraben, haben unweigerlich auch andere demokratische Grundstrukturen geschwächt und beschädigt. Ebenso untergraben die Eliten, die heute auf Zensur drängen, die Demokratie. Was sich jedoch geändert hat, sind das Ausmaß und die technischen Mittel, mit denen Zensur durchgesetzt werden kann.

  • Wir glauben, dass die Meinungsfreiheit wesentlich ist, um unsere Sicherheit vor staatlichem Machtmissbrauch zu gewährleisten - einem Machtmissbrauch, der in der Vergangenheit eine weitaus größere Bedrohung darstellte als die Äußerungen von Einzelpersonen oder sogar organisierten Gruppen. Im Interesse des Wohlergehens und der Entwicklung der Menschheit rufen wir zu folgenden drei Maßnahmen auf.

    • Wir fordern die Regierungen und internationalen Organisationen auf, ihrer Verantwortung gegenüber den Menschen gerecht zu werden und Artikel 19 der AEMR einzuhalten.

    • Wir fordern die Technologieunternehmen auf, sich zum Schutz der digitalen Öffentlichkeit im Sinne von Artikel 19 der AEMR zu verpflichten und von politisch motivierter Zensur, der Zensur abweichender Stimmen und der Zensur politischer Meinungen Abstand zu nehmen.

    • Schließlich rufen wir die breite Öffentlichkeit auf, sich uns im Kampf für die Wahrung der demokratischen Rechte der Menschen anzuschließen. Es genügt nicht, die Gesetzgebung zu ändern. Wir müssen auch von Grund auf eine Atmosphäre der Meinungsfreiheit schaffen, indem wir das Klima der Intoleranz zurückweisen, das zur Selbstzensur ermutigt und vielen unnötige persönliche Probleme bereitet. Anstelle von Angst und Dogmatismus müssen wir Fragen und Debatten zulassen.

Wir verteidigen das Recht, Fragen zu stellen. Hitzige Debatten, auch wenn sie Unruhe stiften, sind besser als gar keine.

Zensur beraubt uns des Reichtums des Lebens selbst. Meinungsfreiheit ist die Grundlage für ein sinnvolles Leben und eine blühende Menschheit - durch Kunst, Poesie, Drama, Geschichten, Philosophie, Gesang und vieles mehr.

Diese Erklärung ist das Ergebnis eines ersten Treffens von Verfechtern der Meinungsfreiheit aus der ganzen Welt, das Ende Juni 2023 in Westminster, London, stattfand. Als Unterzeichner dieser Erklärung haben wir grundlegende politische und ideologische Meinungsverschiedenheiten. Aber nur wenn wir uns zusammentun, können wir die eindringenden Kräfte der Zensur besiegen, damit wir weiterhin offen debattieren und uns gegenseitig herausfordern können. Im Geiste der Meinungsverschiedenheiten und der Debatte unterzeichnen wir die Westminster-Erklärung.

Quelle und weitere Informationen: https://westminsterdeclaration.org/deutsch

 

 

Friday, October 6, 2023

Für die Freiheit - "Der Einzelne und die Gesellschaft" von Jiddu Krishnamurti

 


Jiddu Krishnamurti (1895-1986) war in seinen letzten Jahren vor allem ein Philosoph der Freiheit, der uns in seinen Texten auffordert, gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken, indem wir selbst schöpferisch werden. Wie er das meint, schildert er in diesem Text.

 

Tuesday, August 1, 2023

Padre Pio im Kino 2023 - nebst einem Exkurs über spirituelles Erwachen und Gehirne im Tank

von Tankred Tabbert

Bereits im Jahr 2000 war das Leben des italienischen „Nationalheiligen“ Padre Pio Gegenstand eines Kinofilms und einer Fernsehreihe geworden. In diesem Jahr kam nun eine Neuverfilmung seiner frühen Jahre in die Kinos, die auf ein höchst kontroverses Echo stieß und die Diskussion um Padre Pio auch unter denjenigen neu befeuerte, die ihn vielleicht vorher noch gar nicht kannten. Zwar bin ich heute Zen-Buddhist, wurde aber katholisch getauft und aufgrund privater Bindungen zu Italien ist bis heute Padre Pio für mich ein „Familienmitglied“ geblieben. In jüngster Zeit bemühen sich auch in Deutschland Organisationen um die Verbreitung seiner Lehren - mit wachsendem Erfolg. Verglichen mit anderen spirituellen Lehrern und Meistern, die ich kenne, gehören die Texte Padre Pios für mich zur „Champions League“ unter den spirituellen Quellen - mit für mich immer wieder erstaunlichen Parallelen zum Buddhismus. Freilich bejahen seine Bücher auch einen sehr autoritären Katholizismus und so manche Passage in seinen Texten erinnert mich daran, warum ich aus der katholischen Kirche ausgetreten bin.

Padre Pio war und ist eine höchst umstrittene historische Persönlichkeit. In jüngster Zeit gab es immer wieder Historiker, die seine Stigmata und die von ihm vollbrachten Wunder in Zweifel zogen und deren Falschheit zu beweisen versuchten. Meines Wissens nach sind diese Quellen aber bislang nur auf Italienisch erschienen. Auch bemühten sich jüngere Veröffentlichungen darum, ihm eine Begeisterung für die faschistische Bewegung in Italien nachzuweisen, was diejenigen, die sich heute um sein Andenken bemühen, auf das Schärfste zurückweisen. Ach so, ja, und ein „Schürzenjäger“ soll er ohnehin gewesen sein …

Pio starb einige Monate vor meiner Geburt, leider sind wir keine Zeitgenossen mehr geworden. Ich kenne daher nur einige seiner hinterlassenen Texte und Berichte von Zeitzeugen, die allen Ernstes von seinen Wundern berichten und sie auch an sich selbst erfahren haben (wollen). 

In meiner dreiteiligen Serie „Credo“ habe ich mich 2018 mit genau diesem Spannungsfeld auseinandergesetzt. Ich bewundere Padre Pio vor allem dafür, daß er (und daran mag er mich ein wenig an meinen „Lehrer“ Joseph Beuys erinnern) in einer Zeit, in der sich das naturwissenschaftliche Weltbild auch in den letzten ländlichen Winkeln durchsetzte und die Menschen sich in einer „gottlosen“ wie „geistlosen“, in jeglicher Hinsicht „durchrationalisierten“ Welt wiederfanden, den Mut und die Dreistigkeit hatte, in diese Maschinenwelt der Mathematiker und Physiker wieder etwas völlig Irrationales wie ein Wunder einzuführen. Er bestand auf das Wunder – entgegen dem Zeitgeist, entgegen aller Vernunft, entgegen aller Wissenschaft. Und entgegen seinen kirchlichen Vorgesetzten bis hin zum Papst. Er machte sich zu einem „freak“ und zog es durch … Ja, das mit den Stigmata kann eigentlich nicht sein - oder doch? Hier merkst Du auf einmal (und wirst direkt wie schonungslos damit konfrontiert), was das in Wahrheit bedeutet: Glauben.

Im Jahre 2010 hat es Sandro Veronesi in seinem Roman „XY“ übrigens vorbildlich geschafft, an einem anderen Beispiel die hier genannten Extreme bzw. Extremzustände auf packende Weise sinnlich erfahrbar zu machen und die ganze Widersprüchlichkeit, Faszination und Komplexität des Themas „Wunder“ in einer wissenschaftlichen Welt auszuleuchten.

So, wie Amadeu Inàcio de Almeida Prado nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben mochte, möchte ich nicht in einer Welt ohne Wunder leben … Gleichwohl sind Wunder für mich etwas zutiefst Zwiespältiges, wobei das Zwiespältige mich befremdet und manchmal auch ängstigt (vielleicht weil es nicht technisch/menschlich kontrollierbar ist?). Zwiespältig wie Padre Pio, der seine „Gaunereien“ bravourös nutzte, um als eine Art medialer „Pop-Star“ seine spirituelle Botschaft unter die Menschen zu bringen, die ihm ohne solche „Spektakel“ wohl nie zugehört hätten - wobei ich den Eindruck habe, daß gegen Ende seines Lebens sich eine gewisse Resignation in ihm breit machte, daß das „Spektakel“ bei vielen Menschen an die Stelle der Botschaft getreten war ... Freilich, die Gegenbeispiele von Menschen, die über die Worte Pios zu tiefer Religiösität gefunden haben und/oder spirituelle Heilung erfuhren, sind Legion. Auch ich gehöre dazu. Letztlich liegt in dieser komplexen, vielschichtigen Zwiespältigkeit für mich bis heute ein bleibendes Faszinosum, das hoffentlich das Interesse an einer ernsthaften Spiritualität, in welcher Form auch immer, wach hält.

Der Film aus dem Jahre 2023 beschäftigt sich spannenderweise genau mit der entscheidenden Phase dieser ganzen „Geschichte“:

Ein junger Mann erfährt seine Berufung zum Priester und wird tatsächlich Priester. Das allein würde schon eine psychologisch komplexe und interessante Handlung abgeben. Im Fall von Padre Pio kommt nun noch eine weitere „Passion“ dazu, die den Priester in einen Heiligen „verwandelt“. Für uns „Heutige“, die wir das alles nur im Nachhinein und aus zweiter und dritter Hand betrachten können, ist genau das der „Knackpunkt“: Aus einem Menschen „aus Fleisch und Blut“, der zwar an sich (sehr hart) arbeitet, letztlich aber so ist, wie er ist, wird die „Legende“, die „historische Persönlichkeit“, der „Heilige“ und wenn man an die „Fan-Artikel“ denkt, auch die bis heute umsatzstarke „Marke Pio“. Hier der reale Mensch, dort die „Legende“ und als Bindeglied die „Transition“, die Bemühungen des „echten“ Menschen im Rahmen von Berufung und Passion zu demjenigen zu werden, der heute im Herzen von Millionen Menschen fortlebt.

Die jüngste deutsch-italienische Verfilmung wurde in vielen Kommentaren enttäuscht als sehr schlecht beurteilt, weil sie zu wenig das Leben Pios darstelle und zu sehr auf das zeitgleiche Massaker an kommunistischen Revolutionären abstelle, das im Film mit der genannten Lebensphase Pios parallelisiert wird. Auch kämen die Botschaften Pios im Vergleich zur Darstellung der bis zum Tode ausgebeuteten Landbevölkerung zu kurz.

Mein Eindruck ist ein anderer. Zunächst sei hervorgehoben, dass es sich um eine Produktion auf sehr hohem „handwerklichen“ Niveau handelt, was die Wahl des Drehorts, Ausstattung, Kameraführung, Regie, Schnitt, Filmmusik und der fast ausnahmslos perfekten Besetzung bis in die kleinsten Nebenrollen hinein angeht. Auch der Hauptdarsteller ist seiner schwierigen Aufgabe vollkommen gewachsen. Es lohnt sich - ist aber meines Erachtens auch unbedingt notwendig - genauer hinzusehen. An passenden Stellen sind sehr wohl zentrale Aussagen aus den Texten Pios eingebaut - freilich höchst unaufdringlich, quasi „natürlich“, ohne daß dabei Langeweile aufkäme. Daß für „Normalsterbliche“ die innere Berufung Pios mitunter an ein Wahngeschehen erinnert, wird sehr gut sinnlich erfahrbar, ebenso die existenziellen Selbstzweifel des Protagonisten auf seinem Weg.

Das Bindeglied zwischen beiden Parallelhandlungen wird in einer „Vision“ (oder für andere Auffassungen in einer „Wahnvorstellung“) Pios deutlich, als Pio durch den Satan in Gestalt einer fast schon übermenschlich attraktiven nackten Schönheit „heimgesucht“ wird und diese ihm verkündet, dass die Massaker des ersten Weltkriegs nur der Auftakt gewesen seien. Die Schönheit deutet daraufhin das an, was wir heute unter dem zweiten Weltkrieg kennen. Es wird im Anschluß an diese Szene deutlich, daß es nun völlig verschiedene Antworten auf den absolut unhaltbaren Zustand der Welt gibt: bei „weltlichen“, materialistischen Menschen in einer Hinwendung zu gewalttätiger Revolution, quasi aus einer Art „Notwehr“ heraus, bei Pio in einer ebenso radikalen wie verzweifelten Hinwendung zu seinem „Herrn“, der ihn in der Schlußszene des Films erhört und beisteht. 

Diese Schlußszene ist eine echte Überraschung, denn der Film löst hier auf sehr geniale Weise das Problem der Darstellung der „Transition“ vom Priester zum Heiligen und überlässt alles weitere der Phantasie (und dem möglichen Hintergrundwissen) der Zuschauer.

Der Film verweist hier auf eine grundlegende Frage: Welches ist der geeignetere Weg zu andauernder Veränderung der Welt hin zu einer menschlicheren Gesellschaft - gewalttätige Veränderung der Herrschaftsverhältnisse oder Bewusstseinsveränderung mittels „spirituellem Erwachen“? Den Konflikt zwischen materialistisch-wissenschaftlichem Weltbild und spirituell-religiösem Weltbild lässt der Film bis zum Schluß bestehen.

Spirituelles „Erwachen“, Religiösität, Stigmata, Wunder - alles Humbug? Oder ist der Gegensatz der zwei Weltbilder am Ende eine Illusion?

Den in der Überschrift angekündigten Exkurs möchte ich nutzen, um ein paar „ver-rückte“, also von sich aus unverbundene, an unterschiedlichen Orten versammelte Gedanken in diesem Zusammenhang ins Spiel zu bringen. Als bis heute „härtester“ Skeptiker und konsequentester Vertreter der materialistisch-rationalen Denkrichtung kann nach wie vor Sextus Empiricus gelten. Er versuchte auf umfassende Weise die Grenzen des Bezweifelbaren auszuloten. Was sich also wirklich, wirklich nicht mehr bezweifeln lässt, sollte gewiß sein. Was letztlich für ihn allen Zweifeln und aller Bezweifelbarkeit stand hielt, war das „unwillkürliche Erlebnis“. Diese Form sinnlichen Erlebens finden wir nun aber ebenso in der spirituellen Welt, speziell in dem, was wir „spirituelles Erwachen“ nennen.

Was wäre der „Letztbeweis“ eines materialistischen Weltbildes, das damit (echt oder vermeintlich), sogar dem Tod ein Schnippchen schlagen könnte, also ein bislang religiöses Heilsversprechen materialistisch-diesseitig einlösen könnte?

Es wäre das „Hochladen“ des menschlichen Geistes in einen Rechner bei gleichzeitigem schrittweisen Abbau des nun überflüssigen menschlichen Körpers. Ein solches - bislang fiktives - Vorgehen finden wir in den Schriften von Hans Moravec beschrieben, weshalb das ganze Konzept auch kurzerhand „Moravec-scher Geist“ genannt wird. Solch ein „Moravec-scher“ Geist gilt in Fachkreisen als „Letztbeweis“ einer sogenannten „starken KI“, also einer künstlichen Intelligenz, die dem Menschen (mindestens) ebenbürtig ist.

Bereits vor Moravec stellten sich Schriftsteller und Philosophen wie Oswald Wiener und Hilary Putnam die Frage, woher wir eigentlich mit Gewißheit wissen können, daß wir in „Wahrheit“ keine Computer-Simulation sind, die sich ihr eigenes Leben bloß einbildet bzw. simuliert bekommt, daß wir also z.B. keine „Gehirne im Tank“ sind. Wenn ich Putnams Ausführungen richtig verstanden habe (und ich bitte eindringlich um Aufklärung, falls ich mich täusche!), dann läuft seine Argumentation, warum wir keine „Gehirne im Tank“ sein können, auf das gleiche Kriterium wie das Letztgewißheitskriterium bei Sextus Empiricus hinaus. Stellen wir uns das jetzt einmal im Zusammenhang mit der Vision von Hans Moravec vor:

Während ich meinen Geist abgetastet, analysiert, technisch im Rechner verdoppelt und als Wahrnehmung wieder simuliert bekomme, wird Schicht für Schicht meines Gehirns abgetragen, bis nichts mehr da ist und sich mein „Geist“ vollständig „im“ Rechner befindet.

Vermutung: Sollte mein Geist vorher schon spirituelle Elemente aufweisen, würde der Rechner auch diese „übernehmen“ und mir diese „spiegeln“, solange ich noch wahrnehmungsfähig bin. Doch wie sollte das für den Prozess des „spirituellen Erwachens“ möglich sein, wenn dieses noch nicht vor dem „Hochladen“ erfolgt ist?

Daß nach dem „Hochladen“ neue, kreative/schöpferische Leistungen sowie die Erschaffung neuer „Gehirnstrukturen“ durch den „hochgeladenen Geist“ eigenständig möglich sind (und nicht nur Varianten des vor dem Hochladen Bestehenden, die uns als außenstehenden Beobachtern fälschlich als eigenständige, neue Strukturen erscheinen mögen), ist eine zentrale Behauptung der Vertreter der „starken KI“, die derzeit noch unbewiesen ist.

Sollte ein „Moravec-scher Geist“ oder ein „Gehirn im Tank“ nach dem „Hochladen“ zu einem „spirituellen Erwachen“ fähig sein, wäre dies dann nicht der „Letztbeweis“, daß eine „starke KI“ möglich ist? Und wie würde sich diese Frage entscheiden lassen können?

Aufschlußreich in diesem Zusammenhang ist die Figur des „Dixie Flatline“ aus den Romanen William Gibsons. In seiner „Neuromancer“-Trilogie versuchte Gibson sich genau diese Fragen praktisch-„lebensweltlich“ vorzustellen und diesen KI-Ansatz zu Ende zu denken. Der Protagonist der Romane müht sich ebenfalls mit dem Problem ab, wie sich die eben aufgeworfenen Fragen verlässlich beantworten lassen.

Berücksichtige ich im Versuch einer Art „Zusammenschau“ die Argumente und Erfahrungen von Hilary Putnam, Sextus Empiricus, Hans Moravec, Oswald Wiener, Eckhart Tolle, Padre Pio und William Gibson, drängt sich mir die Vermutung auf, daß der Moment des spirituellen Erwachens der unhintergehbare „Letztbeweis“ dafür sein dürfte, daß wir eben keine „Gehirne im Tank“ sind.



Offline-Challenge

 Die offline-challenge für den Monat März: Mache einen langen Spaziergang ohne Mobiltelefon.