Friday, November 3, 2023

Human Words Project

 

Die Academia Tancredi unterstützt das "Human Words Project".

Worum geht es? Die Organisatoren führen aus:

"Als Reaktion auf die zunehmende Fähigkeit künstlicher Intelligenz, scheinbar mühelos wohlgeformte Prosa zu verfassen, haben wir in diesem Frühjahr begonnen, über das Projekt "Human Words" zu sprechen. Wie viele, die Wörter lieben und mit ihnen arbeiten, waren wir beunruhigt. Was, so fragten wir uns, könnte die Zukunft der Sprache in einer Welt sein, in der Maschinen sprechen und schreiben können, was bisher nur Menschen zu können schienen? 

Wir sind der Meinung, dass die künstliche Intelligenz eine Einladung ist, mit neuer Energie das zu feiern, was menschliche Worte schon immer in einzigartiger und kraftvoller Weise konnten. Menschliche Worte sind verkörpert: Sie entstehen, formen sich und fließen aus unserer Körperlichkeit heraus. Erkundet diese Website, macht mit und feiert mit uns, was menschliche Worte bewirken können!"

Besonders interessant ist dabei die Rubrik "human words that saved my life": https://www.humanwordsproject.com/humanwordsthatsavedmylife

Mit dem obigen Logo, das auf der web site der Organisatoren in verschiedenen Farbvarianten zum kostenlosen Herunterladen zur Verfügung steht, können alle Schreibenden auf bzw. in ihren web sites, blogs, mails, posts etc. versichern, dass der verfasste Text tatsächlich von einem echten Menschen stammt. So auch hier...

Bitte weitersagen!


Friday, October 20, 2023

Die Westminster-Erklärung für Meinungsfreiheit

 


Die Westminster-Erklärung

Wir schreiben als Journalisten, Künstler, Autoren, Aktivisten, Technologen und Wissenschaftler, um vor der zunehmenden internationalen Zensur zu warnen, die jahrhundertealte demokratische Normen zu untergraben droht.

Wir kommen von links, rechts und aus der Mitte und sind uns einig in unserem Bekenntnis zu den universellen Menschenrechten und zum Recht auf freie Meinungsäußerung, und wir sind alle zutiefst besorgt über die Versuche, geschützte Meinungsäußerungen als "Fehlinformation", "Desinformation" und mit anderen schlecht definierten Begriffen zu bezeichnen.

Dieser Missbrauch dieser Begriffe hat zur Zensur von Bürgern, Journalisten und Dissidenten in Ländern auf der ganzen Welt geführt.

Ein solcher Eingriff in das Recht auf freie Meinungsäußerung unterdrückt eine ernsthafte Diskussion über Angelegenheiten von dringendem öffentlichem Interesse und untergräbt die Grundprinzipien der repräsentativen Demokratie.

Weltweit arbeiten staatliche Akteure, Social-Media-Unternehmen, Universitäten und Nichtregierungsorganisationen verstärkt daran, die Bürger zu überwachen und ihnen ihre Stimme zu nehmen. Diese groß angelegten und koordinierten Bemühungen werden manchmal als "industrieller Zensurkomplex" bezeichnet.

Dieser Komplex wird oft durch direkte Regierungsmaßnahmen betrieben. In Indien[1] und der Türkei[2] haben die Behörden die Befugnisse erlangt, politische Inhalte aus den sozialen Medien zu entfernen. Der Gesetzgeber in Deutschland[3] und der Oberste Gerichtshof in Brasilien[4] kriminalisieren politische Äußerungen. In anderen Ländern drohen Maßnahmen wie das irische "Hate Speech"-Gesetz[5] , das schottische "Hate Crime"-Gesetz[6] , das britische "Online Safety"-Gesetz[7] und das australische "Misinformation"-Gesetz[8] die Meinungsfreiheit stark einzuschränken und eine abschreckende Wirkung zu entfalten.

Der industrielle Zensurkomplex arbeitet jedoch mit subtileren Methoden. Dazu gehören die Filterung der Sichtbarkeit, die Kennzeichnung und die Manipulation von Suchmaschinenergebnissen. Durch Deplatforming und Tagging haben die Zensoren der sozialen Medien bereits legitime Meinungen zu Themen von nationaler und geopolitischer Bedeutung zum Schweigen gebracht. Sie taten dies mit voller Unterstützung der "Desinformationsexperten" und "Faktenprüfer" in den Mainstream-Medien, die die journalistischen Werte der Debatte und intellektuellen Auseinandersetzung aufgegeben haben.

Wie die Twitter-Affäre (Twitter Files) gezeigt hat, üben Technologieunternehmen in Absprache mit Regierungsstellen und Nichtregierungsorganisationen häufig eine zensorische "Inhaltsmoderation" aus. Bald wird die EU-Gesetzgebung zu digitalen Diensten diese Beziehung formalisieren, indem Plattformdaten an "überprüfte Forscher" aus dem NGO- und Wissenschaftsbereich weitergegeben werden.

Einige Politiker und Nichtregierungsorganisationen[9] zielen sogar auf Ende-zu-Ende-verschlüsselte Messaging-Apps wie WhatsApp, Signal und Telegram ab.[10] Wenn die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung aufgehoben wird, haben wir keine Möglichkeit mehr, vertrauliche Gespräche in der digitalen Sphäre zu führen.

Obwohl ausländische Desinformation zwischen Staaten ein echtes Problem ist, werden Behörden, die diese Bedrohungen bekämpfen sollen, wie die Cybersecurity and Infrastructure Security Agency in den Vereinigten Staaten, zunehmend gegen die Öffentlichkeit gerichtet. Unter dem Deckmantel der Schadensvermeidung und des Wahrheitsschutzes wird die Meinungsäußerung als erlaubte Handlung und nicht als unveräußerliches Recht behandelt.

Wir erkennen an, dass Worte manchmal Anstoß erregen können, aber wir lehnen die Vorstellung ab, dass verletzte Gefühle und Unbehagen, selbst wenn sie akut sind, einen Grund für Zensur darstellen. Ein offener Diskurs ist der Grundpfeiler einer freien Gesellschaft und unerlässlich, um Regierungen zur Rechenschaft zu ziehen, schwache Gruppen zu stärken und die Gefahr von Tyrannei zu verringern.

Der Schutz des Rechts auf freie Meinungsäußerung gilt nicht nur für Ansichten, denen wir zustimmen, sondern wir müssen auch die Ansichten schützen, die wir entschieden ablehnen. Nur in der Öffentlichkeit können diese Meinungen gehört und angemessen angefochten werden.

Darüber hinaus haben sich unpopuläre Meinungen und Ideen immer wieder als Allgemeinwissen durchgesetzt. Wenn wir bestimmte politische oder wissenschaftliche Positionen als "Fehlinformation" oder "Desinformation" abtun, laufen unsere Gesellschaften Gefahr, in falschen Paradigmen stecken zu bleiben, die der Menschheit hart erarbeitetes Wissen vorenthalten und die Möglichkeit, neue Erkenntnisse zu gewinnen, zunichte machen. Die Freiheit der Meinungsäußerung ist unsere beste Verteidigung gegen Desinformation.

Der Angriff auf die Redefreiheit ist nicht nur eine Frage verzerrter Regeln und Vorschriften - es ist eine Krise der Menschheit selbst. Jede Kampagne für Gleichheit und Gerechtigkeit in der Geschichte hat sich auf ein offenes Forum für abweichende Meinungen gestützt. In zahllosen Beispielen, darunter die Abschaffung der Sklaverei und die Bürgerrechtsbewegung, hing der gesellschaftliche Fortschritt von der Meinungsfreiheit ab.

Wir wollen nicht, dass unsere Kinder in einer Welt aufwachsen, in der sie Angst haben müssen, ihre Meinung zu sagen. Wir wollen, dass sie in einer Welt aufwachsen, in der ihre Ideen offen geäußert, erforscht und diskutiert werden können - eine Welt, die den Gründern unserer Demokratien vorschwebte, als sie das Recht auf freie Meinungsäußerung in unseren Gesetzen und Verfassungen verankerten.

Der erste Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten ist ein gutes Beispiel dafür, wie das Recht auf Meinungs-, Presse- und Gewissensfreiheit gesetzlich verankert werden kann. Man muss nicht in allen Fragen mit den USA übereinstimmen, um anzuerkennen, dass dies eine wichtige "erste Freiheit" ist, aus der sich alle anderen Freiheiten ableiten. Nur durch die Meinungsfreiheit können wir Verletzungen unserer Rechte anprangern und für neue Freiheiten kämpfen.

Es gibt auch einen klaren und soliden internationalen Schutz der Meinungsfreiheit. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR)[11] wurde 1948 als Reaktion auf die Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs verfasst. Artikel 19 der AEMR besagt: “Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.” Während es für Regierungen notwendig sein kann, einige Aspekte der sozialen Medien zu regulieren, wie z.B. Altersbeschränkungen, sollten diese Regulierungen niemals das Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung verletzen.

Wie in Artikel 19 klargestellt wird, ist die logische Folge des Rechts auf freie Meinungsäußerung das Recht auf Information. In einer Demokratie hat niemand ein Monopol auf das, was als wahr angesehen wird. Vielmehr muss die Wahrheit durch Dialog und Debatte gefunden werden - und wir können die Wahrheit nicht finden, ohne die Möglichkeit des Irrtums zuzulassen.

Die Zensur im Namen des "Schutzes der Demokratie" verkehrt das System der Repräsentation, das von unten nach oben verlaufen sollte, in ein System der ideologischen Kontrolle von oben nach unten. Diese Zensur ist letztlich kontraproduktiv: Sie sät Misstrauen, fördert die Radikalisierung und delegitimiert den demokratischen Prozess.

Angriffe auf die Meinungsfreiheit waren in der Geschichte der Menschheit stets Vorboten für Angriffe auf alle anderen Freiheitsrechte. Regime, die die Meinungsfreiheit untergraben, haben unweigerlich auch andere demokratische Grundstrukturen geschwächt und beschädigt. Ebenso untergraben die Eliten, die heute auf Zensur drängen, die Demokratie. Was sich jedoch geändert hat, sind das Ausmaß und die technischen Mittel, mit denen Zensur durchgesetzt werden kann.

  • Wir glauben, dass die Meinungsfreiheit wesentlich ist, um unsere Sicherheit vor staatlichem Machtmissbrauch zu gewährleisten - einem Machtmissbrauch, der in der Vergangenheit eine weitaus größere Bedrohung darstellte als die Äußerungen von Einzelpersonen oder sogar organisierten Gruppen. Im Interesse des Wohlergehens und der Entwicklung der Menschheit rufen wir zu folgenden drei Maßnahmen auf.

    • Wir fordern die Regierungen und internationalen Organisationen auf, ihrer Verantwortung gegenüber den Menschen gerecht zu werden und Artikel 19 der AEMR einzuhalten.

    • Wir fordern die Technologieunternehmen auf, sich zum Schutz der digitalen Öffentlichkeit im Sinne von Artikel 19 der AEMR zu verpflichten und von politisch motivierter Zensur, der Zensur abweichender Stimmen und der Zensur politischer Meinungen Abstand zu nehmen.

    • Schließlich rufen wir die breite Öffentlichkeit auf, sich uns im Kampf für die Wahrung der demokratischen Rechte der Menschen anzuschließen. Es genügt nicht, die Gesetzgebung zu ändern. Wir müssen auch von Grund auf eine Atmosphäre der Meinungsfreiheit schaffen, indem wir das Klima der Intoleranz zurückweisen, das zur Selbstzensur ermutigt und vielen unnötige persönliche Probleme bereitet. Anstelle von Angst und Dogmatismus müssen wir Fragen und Debatten zulassen.

Wir verteidigen das Recht, Fragen zu stellen. Hitzige Debatten, auch wenn sie Unruhe stiften, sind besser als gar keine.

Zensur beraubt uns des Reichtums des Lebens selbst. Meinungsfreiheit ist die Grundlage für ein sinnvolles Leben und eine blühende Menschheit - durch Kunst, Poesie, Drama, Geschichten, Philosophie, Gesang und vieles mehr.

Diese Erklärung ist das Ergebnis eines ersten Treffens von Verfechtern der Meinungsfreiheit aus der ganzen Welt, das Ende Juni 2023 in Westminster, London, stattfand. Als Unterzeichner dieser Erklärung haben wir grundlegende politische und ideologische Meinungsverschiedenheiten. Aber nur wenn wir uns zusammentun, können wir die eindringenden Kräfte der Zensur besiegen, damit wir weiterhin offen debattieren und uns gegenseitig herausfordern können. Im Geiste der Meinungsverschiedenheiten und der Debatte unterzeichnen wir die Westminster-Erklärung.

Quelle und weitere Informationen: https://westminsterdeclaration.org/deutsch

 

 

Friday, October 6, 2023

Für die Freiheit - "Der Einzelne und die Gesellschaft" von Jiddu Krishnamurti

 


Jiddu Krishnamurti (1895-1986) war in seinen letzten Jahren vor allem ein Philosoph der Freiheit, der uns in seinen Texten auffordert, gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken, indem wir selbst schöpferisch werden. Wie er das meint, schildert er in diesem Text.

 

Tuesday, August 1, 2023

Padre Pio im Kino 2023 - nebst einem Exkurs über spirituelles Erwachen und Gehirne im Tank

von Tankred Tabbert

Bereits im Jahr 2000 war das Leben des italienischen „Nationalheiligen“ Padre Pio Gegenstand eines Kinofilms und einer Fernsehreihe geworden. In diesem Jahr kam nun eine Neuverfilmung seiner frühen Jahre in die Kinos, die auf ein höchst kontroverses Echo stieß und die Diskussion um Padre Pio auch unter denjenigen neu befeuerte, die ihn vielleicht vorher noch gar nicht kannten. Zwar bin ich heute Zen-Buddhist, wurde aber katholisch getauft und aufgrund privater Bindungen zu Italien ist bis heute Padre Pio für mich ein „Familienmitglied“ geblieben. In jüngster Zeit bemühen sich auch in Deutschland Organisationen um die Verbreitung seiner Lehren - mit wachsendem Erfolg. Verglichen mit anderen spirituellen Lehrern und Meistern, die ich kenne, gehören die Texte Padre Pios für mich zur „Champions League“ unter den spirituellen Quellen - mit für mich immer wieder erstaunlichen Parallelen zum Buddhismus. Freilich bejahen seine Bücher auch einen sehr autoritären Katholizismus und so manche Passage in seinen Texten erinnert mich daran, warum ich aus der katholischen Kirche ausgetreten bin.

Padre Pio war und ist eine höchst umstrittene historische Persönlichkeit. In jüngster Zeit gab es immer wieder Historiker, die seine Stigmata und die von ihm vollbrachten Wunder in Zweifel zogen und deren Falschheit zu beweisen versuchten. Meines Wissens nach sind diese Quellen aber bislang nur auf Italienisch erschienen. Auch bemühten sich jüngere Veröffentlichungen darum, ihm eine Begeisterung für die faschistische Bewegung in Italien nachzuweisen, was diejenigen, die sich heute um sein Andenken bemühen, auf das Schärfste zurückweisen. Ach so, ja, und ein „Schürzenjäger“ soll er ohnehin gewesen sein …

Pio starb einige Monate vor meiner Geburt, leider sind wir keine Zeitgenossen mehr geworden. Ich kenne daher nur einige seiner hinterlassenen Texte und Berichte von Zeitzeugen, die allen Ernstes von seinen Wundern berichten und sie auch an sich selbst erfahren haben (wollen). 

In meiner dreiteiligen Serie „Credo“ habe ich mich 2018 mit genau diesem Spannungsfeld auseinandergesetzt. Ich bewundere Padre Pio vor allem dafür, daß er (und daran mag er mich ein wenig an meinen „Lehrer“ Joseph Beuys erinnern) in einer Zeit, in der sich das naturwissenschaftliche Weltbild auch in den letzten ländlichen Winkeln durchsetzte und die Menschen sich in einer „gottlosen“ wie „geistlosen“, in jeglicher Hinsicht „durchrationalisierten“ Welt wiederfanden, den Mut und die Dreistigkeit hatte, in diese Maschinenwelt der Mathematiker und Physiker wieder etwas völlig Irrationales wie ein Wunder einzuführen. Er bestand auf das Wunder – entgegen dem Zeitgeist, entgegen aller Vernunft, entgegen aller Wissenschaft. Und entgegen seinen kirchlichen Vorgesetzten bis hin zum Papst. Er machte sich zu einem „freak“ und zog es durch … Ja, das mit den Stigmata kann eigentlich nicht sein - oder doch? Hier merkst Du auf einmal (und wirst direkt wie schonungslos damit konfrontiert), was das in Wahrheit bedeutet: Glauben.

Im Jahre 2010 hat es Sandro Veronesi in seinem Roman „XY“ übrigens vorbildlich geschafft, an einem anderen Beispiel die hier genannten Extreme bzw. Extremzustände auf packende Weise sinnlich erfahrbar zu machen und die ganze Widersprüchlichkeit, Faszination und Komplexität des Themas „Wunder“ in einer wissenschaftlichen Welt auszuleuchten.

So, wie Amadeu Inàcio de Almeida Prado nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben mochte, möchte ich nicht in einer Welt ohne Wunder leben … Gleichwohl sind Wunder für mich etwas zutiefst Zwiespältiges, wobei das Zwiespältige mich befremdet und manchmal auch ängstigt (vielleicht weil es nicht technisch/menschlich kontrollierbar ist?). Zwiespältig wie Padre Pio, der seine „Gaunereien“ bravourös nutzte, um als eine Art medialer „Pop-Star“ seine spirituelle Botschaft unter die Menschen zu bringen, die ihm ohne solche „Spektakel“ wohl nie zugehört hätten - wobei ich den Eindruck habe, daß gegen Ende seines Lebens sich eine gewisse Resignation in ihm breit machte, daß das „Spektakel“ bei vielen Menschen an die Stelle der Botschaft getreten war ... Freilich, die Gegenbeispiele von Menschen, die über die Worte Pios zu tiefer Religiösität gefunden haben und/oder spirituelle Heilung erfuhren, sind Legion. Auch ich gehöre dazu. Letztlich liegt in dieser komplexen, vielschichtigen Zwiespältigkeit für mich bis heute ein bleibendes Faszinosum, das hoffentlich das Interesse an einer ernsthaften Spiritualität, in welcher Form auch immer, wach hält.

Der Film aus dem Jahre 2023 beschäftigt sich spannenderweise genau mit der entscheidenden Phase dieser ganzen „Geschichte“:

Ein junger Mann erfährt seine Berufung zum Priester und wird tatsächlich Priester. Das allein würde schon eine psychologisch komplexe und interessante Handlung abgeben. Im Fall von Padre Pio kommt nun noch eine weitere „Passion“ dazu, die den Priester in einen Heiligen „verwandelt“. Für uns „Heutige“, die wir das alles nur im Nachhinein und aus zweiter und dritter Hand betrachten können, ist genau das der „Knackpunkt“: Aus einem Menschen „aus Fleisch und Blut“, der zwar an sich (sehr hart) arbeitet, letztlich aber so ist, wie er ist, wird die „Legende“, die „historische Persönlichkeit“, der „Heilige“ und wenn man an die „Fan-Artikel“ denkt, auch die bis heute umsatzstarke „Marke Pio“. Hier der reale Mensch, dort die „Legende“ und als Bindeglied die „Transition“, die Bemühungen des „echten“ Menschen im Rahmen von Berufung und Passion zu demjenigen zu werden, der heute im Herzen von Millionen Menschen fortlebt.

Die jüngste deutsch-italienische Verfilmung wurde in vielen Kommentaren enttäuscht als sehr schlecht beurteilt, weil sie zu wenig das Leben Pios darstelle und zu sehr auf das zeitgleiche Massaker an kommunistischen Revolutionären abstelle, das im Film mit der genannten Lebensphase Pios parallelisiert wird. Auch kämen die Botschaften Pios im Vergleich zur Darstellung der bis zum Tode ausgebeuteten Landbevölkerung zu kurz.

Mein Eindruck ist ein anderer. Zunächst sei hervorgehoben, dass es sich um eine Produktion auf sehr hohem „handwerklichen“ Niveau handelt, was die Wahl des Drehorts, Ausstattung, Kameraführung, Regie, Schnitt, Filmmusik und der fast ausnahmslos perfekten Besetzung bis in die kleinsten Nebenrollen hinein angeht. Auch der Hauptdarsteller ist seiner schwierigen Aufgabe vollkommen gewachsen. Es lohnt sich - ist aber meines Erachtens auch unbedingt notwendig - genauer hinzusehen. An passenden Stellen sind sehr wohl zentrale Aussagen aus den Texten Pios eingebaut - freilich höchst unaufdringlich, quasi „natürlich“, ohne daß dabei Langeweile aufkäme. Daß für „Normalsterbliche“ die innere Berufung Pios mitunter an ein Wahngeschehen erinnert, wird sehr gut sinnlich erfahrbar, ebenso die existenziellen Selbstzweifel des Protagonisten auf seinem Weg.

Das Bindeglied zwischen beiden Parallelhandlungen wird in einer „Vision“ (oder für andere Auffassungen in einer „Wahnvorstellung“) Pios deutlich, als Pio durch den Satan in Gestalt einer fast schon übermenschlich attraktiven nackten Schönheit „heimgesucht“ wird und diese ihm verkündet, dass die Massaker des ersten Weltkriegs nur der Auftakt gewesen seien. Die Schönheit deutet daraufhin das an, was wir heute unter dem zweiten Weltkrieg kennen. Es wird im Anschluß an diese Szene deutlich, daß es nun völlig verschiedene Antworten auf den absolut unhaltbaren Zustand der Welt gibt: bei „weltlichen“, materialistischen Menschen in einer Hinwendung zu gewalttätiger Revolution, quasi aus einer Art „Notwehr“ heraus, bei Pio in einer ebenso radikalen wie verzweifelten Hinwendung zu seinem „Herrn“, der ihn in der Schlußszene des Films erhört und beisteht. 

Diese Schlußszene ist eine echte Überraschung, denn der Film löst hier auf sehr geniale Weise das Problem der Darstellung der „Transition“ vom Priester zum Heiligen und überlässt alles weitere der Phantasie (und dem möglichen Hintergrundwissen) der Zuschauer.

Der Film verweist hier auf eine grundlegende Frage: Welches ist der geeignetere Weg zu andauernder Veränderung der Welt hin zu einer menschlicheren Gesellschaft - gewalttätige Veränderung der Herrschaftsverhältnisse oder Bewusstseinsveränderung mittels „spirituellem Erwachen“? Den Konflikt zwischen materialistisch-wissenschaftlichem Weltbild und spirituell-religiösem Weltbild lässt der Film bis zum Schluß bestehen.

Spirituelles „Erwachen“, Religiösität, Stigmata, Wunder - alles Humbug? Oder ist der Gegensatz der zwei Weltbilder am Ende eine Illusion?

Den in der Überschrift angekündigten Exkurs möchte ich nutzen, um ein paar „ver-rückte“, also von sich aus unverbundene, an unterschiedlichen Orten versammelte Gedanken in diesem Zusammenhang ins Spiel zu bringen. Als bis heute „härtester“ Skeptiker und konsequentester Vertreter der materialistisch-rationalen Denkrichtung kann nach wie vor Sextus Empiricus gelten. Er versuchte auf umfassende Weise die Grenzen des Bezweifelbaren auszuloten. Was sich also wirklich, wirklich nicht mehr bezweifeln lässt, sollte gewiß sein. Was letztlich für ihn allen Zweifeln und aller Bezweifelbarkeit stand hielt, war das „unwillkürliche Erlebnis“. Diese Form sinnlichen Erlebens finden wir nun aber ebenso in der spirituellen Welt, speziell in dem, was wir „spirituelles Erwachen“ nennen.

Was wäre der „Letztbeweis“ eines materialistischen Weltbildes, das damit (echt oder vermeintlich), sogar dem Tod ein Schnippchen schlagen könnte, also ein bislang religiöses Heilsversprechen materialistisch-diesseitig einlösen könnte?

Es wäre das „Hochladen“ des menschlichen Geistes in einen Rechner bei gleichzeitigem schrittweisen Abbau des nun überflüssigen menschlichen Körpers. Ein solches - bislang fiktives - Vorgehen finden wir in den Schriften von Hans Moravec beschrieben, weshalb das ganze Konzept auch kurzerhand „Moravec-scher Geist“ genannt wird. Solch ein „Moravec-scher“ Geist gilt in Fachkreisen als „Letztbeweis“ einer sogenannten „starken KI“, also einer künstlichen Intelligenz, die dem Menschen (mindestens) ebenbürtig ist.

Bereits vor Moravec stellten sich Schriftsteller und Philosophen wie Oswald Wiener und Hilary Putnam die Frage, woher wir eigentlich mit Gewißheit wissen können, daß wir in „Wahrheit“ keine Computer-Simulation sind, die sich ihr eigenes Leben bloß einbildet bzw. simuliert bekommt, daß wir also z.B. keine „Gehirne im Tank“ sind. Wenn ich Putnams Ausführungen richtig verstanden habe (und ich bitte eindringlich um Aufklärung, falls ich mich täusche!), dann läuft seine Argumentation, warum wir keine „Gehirne im Tank“ sein können, auf das gleiche Kriterium wie das Letztgewißheitskriterium bei Sextus Empiricus hinaus. Stellen wir uns das jetzt einmal im Zusammenhang mit der Vision von Hans Moravec vor:

Während ich meinen Geist abgetastet, analysiert, technisch im Rechner verdoppelt und als Wahrnehmung wieder simuliert bekomme, wird Schicht für Schicht meines Gehirns abgetragen, bis nichts mehr da ist und sich mein „Geist“ vollständig „im“ Rechner befindet.

Vermutung: Sollte mein Geist vorher schon spirituelle Elemente aufweisen, würde der Rechner auch diese „übernehmen“ und mir diese „spiegeln“, solange ich noch wahrnehmungsfähig bin. Doch wie sollte das für den Prozess des „spirituellen Erwachens“ möglich sein, wenn dieses noch nicht vor dem „Hochladen“ erfolgt ist?

Daß nach dem „Hochladen“ neue, kreative/schöpferische Leistungen sowie die Erschaffung neuer „Gehirnstrukturen“ durch den „hochgeladenen Geist“ eigenständig möglich sind (und nicht nur Varianten des vor dem Hochladen Bestehenden, die uns als außenstehenden Beobachtern fälschlich als eigenständige, neue Strukturen erscheinen mögen), ist eine zentrale Behauptung der Vertreter der „starken KI“, die derzeit noch unbewiesen ist.

Sollte ein „Moravec-scher Geist“ oder ein „Gehirn im Tank“ nach dem „Hochladen“ zu einem „spirituellen Erwachen“ fähig sein, wäre dies dann nicht der „Letztbeweis“, daß eine „starke KI“ möglich ist? Und wie würde sich diese Frage entscheiden lassen können?

Aufschlußreich in diesem Zusammenhang ist die Figur des „Dixie Flatline“ aus den Romanen William Gibsons. In seiner „Neuromancer“-Trilogie versuchte Gibson sich genau diese Fragen praktisch-„lebensweltlich“ vorzustellen und diesen KI-Ansatz zu Ende zu denken. Der Protagonist der Romane müht sich ebenfalls mit dem Problem ab, wie sich die eben aufgeworfenen Fragen verlässlich beantworten lassen.

Berücksichtige ich im Versuch einer Art „Zusammenschau“ die Argumente und Erfahrungen von Hilary Putnam, Sextus Empiricus, Hans Moravec, Oswald Wiener, Eckhart Tolle, Padre Pio und William Gibson, drängt sich mir die Vermutung auf, daß der Moment des spirituellen Erwachens der unhintergehbare „Letztbeweis“ dafür sein dürfte, daß wir eben keine „Gehirne im Tank“ sind.



Wednesday, July 5, 2023

Gastbeitrag "Radikaldemokratie" von Holger Thurow-N.

Repräsentative „Demokratie“ und „demokratischer“ Zentralismus sind „demokratische“ Diktaturen

Demokratische Diktatur“ oder „demokratischer Zentralismus“ sind Gegensätze in einer Phrase. Repräsentative „Demokratie“ bedeutet prinzipiell: „Demokratie“ für Repräsentanten untereinander. In einer Repräsentativen „Demokratie“ ist das Staatsvolk von der Gesetzgebung (Legislative) ausgeschlossen. Wenn aber in einer angeblichen Demokratie (Volksherrschaft), das Staatsvolk von der Herrschaft ausgeschlossen ist, so ist es natürlich keine Volksherrschaft (Demokratie), sondern Herrschaft über das Volk, durch Repräsentanten und so könnte man dazu auch sagen: „Demokratische Diktatur“. Herrschaft über das Volk funktioniert nur durch Gewalt. Deshalb benötigen Repräsentanten ein Gewaltmonopol. Sonst könnten sie nicht herrschen. Und sie benötigen eine Begriffs-Maske, um die Herrschaft der Wenigen als Demokratie zu präsentieren.

Herrschaft geschieht primär durch Gesetzgebung (Legislative), nicht durch Wahlen von Vertretern mit „Freien Mandaten“. Entscheidungen über Personalien (die in einer Repräsentativen „Demokratie“ nur mittelbar beim Wähler liegen weil sie schon vorausgewählt wurden), sind keine Entscheidungen über Regeln und Gesetze. Wenn ein Staatsvolk Regeln und Gesetze befolgen muss, die es selbst nicht erlassen darf, weil es seine Stimmen, gemessen an der Bevölkerungszahl, an wenige Vertreter abgeben muss, fehlt die Legitimation durch Selbstbestimmung, nach eigenen Regeln und Gesetzen leben zu können. Das nennt man Fremdbestimmung. Und dieses Prinzip der Fremdbestimmung,heißt in Deutschland Repräsentative „Demokratie“. 736 Bundestagsabgeordnete sind 0.0008867 % der Bevölkerung. Sie beherrschen 99.9991133 % der Bevölkerung. „Freie Mandate“, die gewählte Vertreter von jeglicher Verantwortung gegenüber ihren Wählern entbinden (siehe Artikel 38 Grundgesetz) und Legislaturperioden (keine Abwahlmöglichkeit), vervollkommnen das Prinzip absoluter Fremdbestimmung durch Repräsentanten. Der Unterschied zu einer Diktatur oder Monarchie, in der wir das Verhältnis von 0 zu 100 hätten, ist also tatsächlich sehr gering. Das verdeutlicht folgende Tabelle, in der die Macht-Verhältnisse der Herrschaftsformen Monarchie, Diktatur, Repräsentative „Demokratie“, und Demokratie (Volksherrschaft) in Zahlen gegenüberstehen.

 

So wird deutlich, dass der Fortschritt einer Repräsentativen „Demokratie“ gegenüber einer Diktatur oder Monarchie sehr gering ist. Und deshalb ist der Schritt zurück auch nur ein kleiner Schritt. Repräsentative „Demokratie“ bedeutet, dass nur innerhalb eines elitären Kreises „demokratische“ Verhältnisse nach dem Mehrheitsprinzip stattfinden. Dieser elitäre Kreis nennt sich „Parlament“. Ein Mehrheitsprinzip jedoch, als Auswahlprinzip für die Beteiligung an politischer Macht, ist immer noch keine Gleichberechtigung. Wir haben also selbst in Parlamenten keine politische Gleichberechtigung unter den Abgeordneten, auf dessen Basis über die vernünftigsten und besten Entscheidungen gestritten werden könnte.

Rein menschlich, und ohne die ökonomische Komponente betrachtet, wäre den Abgeordneten in einer Repräsentativen „Demokratie“ durchaus zuzugestehen, vernünftige Entscheidungen zu treffen, die den Interessen der entmündigten Bevölkerungsmasse entsprechen könnten. Davon jedenfalls, träumen Viele, weil es in den von der Regierung kontrollierten Medien so dargestellt wird. Aber jeder Traum muss natürlich an der Realität zerplatzen. Denn es gibt da ein reales Problem. Und dieses Problem heißt: Lobbyismus. Oder mit anderen Worten: verrechtlichte Korruption. Das Problem besteht darin, dass Eigentumsrecht alles in eine Ware verwandelt und daher käuflich macht. Auch, und gerade die Interessen von Abgeordneten und Repräsentanten. So wird Politik käuflich. Die durch Eigentumsrecht bedingte unbegrenzte Akkumulation (Anhäufung) von Reichtum schlägt deshalb in politische Macht um, sobald sie das dafür relevante Maß überschritten hat, dass sich ebenfalls in Zahlen messen ließe. Wieviele Dollar oder Euro nötig sind, um politische Macht ausüben zu können, ist von Staat zu Staat unterschiedlich. Aber mit einem Verfügungsrahmen von 9 Nullen (ab 1 Milliarde) vor dem Komma ist dieses Maß ganz sicher erreicht. So werden Superreiche zu Oligarchen. Das US-Portal „Wikipedia“ lässt zum Begriff „Oligarch“ lesen, Zitat:

Als Oligarch (von Oligarchie „Herrschaft von Wenigen“) werden zum einen Anhänger der Oligarchie, zum anderen jene bezeichnet, die mit wenigen anderen eine Herrschaft ausüben, im Speziellen auch Großunternehmer, die durch Korruption auch politische Macht über ein Land oder eine Region erlangt haben. Mit der Verflechtung von Politik und Wirtschaft werden politische Entscheidungsprozesse intransparent und gehen häufig mit autokratischer Herrschaft und Schattenwirtschaft einher. Demokratische und rechtsstaatliche Transformationsprozesse werden behindert.“ (Quelle Wikipedia am 22.12.2022)

Das führt uns zu einem Begriff, den die Bundeszentrale für politische Bildung in „Das junge Politik-Lexikon“ wie folgt erklärt, damit auch Kinder verstehen, wo sie leben, Zitat:

Oligarchie - Herrschaft von wenigen

Die Oligarchie ist eine Staatsform. Andere Staatsformen sind beispielsweise Demokratie, Diktatur, Monarchie. Der Begriff kommt aus dem Griechischen und heißt übersetzt "Herrschaft von wenigen". Damit ist diese Staatsform bereits erklärt: Eine kleine Gruppe von Personen oder eine Familie herrschen im Staat. Das Parlament (wenn es überhaupt eines gibt), die Gesetze, die Polizei und das Militär werden von dieser Gruppe kontrolliert und die Macht wird an Familienmitglieder weiter vererbt. Von Freiheit kann in einem solchen Staat nicht die Rede sein. Eine Oligarchie ähnelt einer Diktatur, denn die Führungsgruppe tut alles, um an der Macht zu bleiben und kümmert sich kaum darum, was die Menschen im Land wirklich wollen und brauchen.“ Quelle: Gerd Schneider / Christiane Toyka-Seid: Das junge Politik-Lexikon von www.hanisauland.de, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2022 (Quelle: https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-jungepolitik-lexikon/320882/oligarchie/)


Der Autor Gerd Schneider beantwortet in dem kurzen Absatz nicht die Frage nach dem Verhältnis einer Repräsentativen „Demokratie“ zur Oligarchie. Er hat vergessen zu erwähnen, dass „eine kleine Gruppe von Personen“ durch Käuflichkeit von Politik den Staat zu ihrem Staat machen kann. Eine Oligarchie ist ein Staat der Superreichen, ein Staat der Milliardäre und die Lobby des Parlaments einer Repräsentativen „Demokratie“ ist der Marktplatz, auf dem sie einkaufen gehen. (Oligarchische Machtverhältnisse in der Repräsentativen „Demokratie“ ist die Ursache für Politik für reiche Pharmaoligarchen, für reiche Oligarchen der Energiewirtschaft und für reiche Oligarchen der Rüstungsindustrie und daher Politik primär für Oligarchen des US-Imperiums. So entsteht Coronatyrannei, Wirtschaftstyrannei und Kriegstyrannei.) Das Artikelbild ist dann ja auch selbsterklärend:


Quelle: https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-jungepolitik-lexikon/320882/oligarchie/

Es geht also um Zahlen. Und zwar um Nullen vor dem Komma, in Gold. Die Repräsentative „Demokratie“, die selbst eine Herrschaft von Wenigen ist, bietet also beste Voraussetzungen, um Oligarchen zur Machtergreifung einzuladen. Wie sieht denn so eine Einladung konkret aus? Zitat:

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Art. 38

(1) Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in

allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl

gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge

und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen

unterworfen.

(2) Wahlberechtigt ist, wer das achtzehnte Lebensjahr

vollendet hat; wählbar ist, wer das Alter erreicht hat, mit dem

die Volljährigkeit eintritt.

(3) Das Nähere bestimmt ein Bundesgesetz.“

(Hervorhebung vom mir)

 

Die „Vertreter des ganzen Volkes“ sind also niemandem gegenüber verantwortlich. Das nennt man „Freies Mandat“. Damit ist verantwortungslose Politik nicht nur erlaubt, sondern sogar Gesetz. Auf dieser Grundlage steht der Marktplatz der politischen Entscheidungen, für den es einen Namen gibt: Lobby. Das Treiben auf diesem Marktplatz nennt man Lobbyismus. Und so lässt die „Bundeszentrale für politische Bildung“ auf ihrem Portal feststellen, Zitat:

Wie, wo und wann Lobbyisten Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen können, hängt wesentlich von den Rahmenbedingungen ab, die ihnen das politische System

vorgibt.“ (Quelle: https://www.bpb.de/themen/wirtschaft/lobbyismus/275972/interessenvertretung-und-politisches-system-in-deutschland-im-wandel/)

Die entscheidenden Rahmenbedingungen für eine Oligarchie sind

1. Das Vertreterprinzip,

2. das Eigentumsrecht und

3. das „Freie Mandat“.

Die „Bundeszentrale für politische Bildung“ lässt auf ihrem Portal deshalb auch folgern, Zitat:

Lobbys versuchen Einfluss in Politik und Gesellschaft zu

nehmen. Das ist legitim.“ (https://www.bpb.de/themen/wirtschaft/lobbyismus/)

 

Die entscheidenden Rahmenbedingungen für eine legitime Volksherrschaft (Demokratie) sind:

1. Herrschaft des Staatsvolkes (Demokratie),

2. das Besitzrecht und

3. Verantwortlichkeit der Gewählten vor ihren Wählern durch imperative Mandate.

 

Somit ist klar, dass die Repräsentative „Demokratie“ nichts anderes ist, als die politische Basis der Herrschaft der Reichen (Oligarchie). Der Staat ist ihr Staat, der Staat der Reichen (Oligarchen). Volksherrschaft, und damit ein Sturz der Herrschaft von Wenigen, ist nur möglich auf Basis der

Legitimation des Staatsvolkes für Selbstbestimmung durch Selbstbestimmung. Ohne diese Legitimation ist ein Sturz dieses Herrschaftssystems, z.B. durch einen Putsch, nicht möglich. Denn die Machtbasis für die Herrschaft von Putschisten ist wieder: Herrschaft von Wenigen, ohne Legitimation.


Demokratischer Zentralismus

Ein geschichtlicher Rückblick auf mdr.de verweist uns auf die Herkunft dieses Begriffes, der in allen „Sozialistischen“ Staaten, „sozialistischen“ Strömungen und -Organisationen das entscheidende Machtprinzip bezeichnet, welches ursprünglich aus der Sozialdemokratie hervorgegangen ist. Laut den MDRRecherchen geht der Begriff, auf Zitat: „… die von Lenin und dem "Komintern"-Sekretär Sinowjew formulierte und auf der 2. Tagung der Komintern im Jahr 1920 verabschiedete zwölfte von 21 "Bedingungen der Zugehörigkeit zur Kommunistischen Internationale" zurück.“ (Quelle: https://www.mdr.de/geschichte/ddr/politikgesellschaft/

Die MDR-Recherche greift zu kurz. Denn Lenin orientierte sich an der Sozialdemokratie, siehe seine Schriften „Was tun?“ und „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“. Bedingung 12 der 21 Bedingungen lautete, Zitat: „12. Die der Kommunistischen Internationale angehörenden Parteien müssen nach dem Prinzip des demokratischen Zentralismus aufgebaut sein. In der gegenwärtigen Zeit des verschärften Bürgerkrieges ist die Kommunistische Partei nur dann imstande, ihre Pflicht zu erfüllen, wenn sie möglichst zentralistisch organisiert ist und eine eiserne, fast militärische Disziplin in ihr herrscht, wenn ihr Parteizentrum ein starkes, autoritatives Organ mit weitgehenden Vollmachten ist, das das allgemeine Vertrauen der Parteimitgliedschaft genießt.“ (Hervorhebung von mir. Quelle: https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_ru&dokument=0010_int&object=translation)

In der Historie des Scheiterns des „real existierenden Sozialismus“ ist dieser Punkt 12 eine politische Schaltstelle. Ideologische Schaltstelle ist die Verklärung der Schriften von Marx/Engels/Lenin zu Dogmen, die nicht kritisiert werden durften. Marx ging es nicht um die Ersetzung des Eigentumsrechts durch Besitzrecht2 als ökonomische Bedingung für politische Freiheit, sondern nur um Enteignung. Enteignung wohin? Zu einer zentralistischen Funktionärskaste als neue Eigentümer mit einem Führer an der Spitze? Ebenso lassen seine Schriften erkennen, dass er Demokratie für eine kleinbürgerliche Spielerei hielt. Ja, der Missbrauch des Begriffs „Demokratie“ war schon damals allgegenwärtig. Aber vielleicht hätte man das Wort öfters übersetzen sollen: VOLKSHERRSCHAFT.

Engels geriet dann schließlich zum Begriff „Diktatur des Proletariats“. Und kaum einem Apologeten des Marxismus fiel auf, dass die Lohnabhängigen (das Proletariat) in einer Volksherrschaft (Demokratie) die absolute Mehrheit stellen und gar keine Diktatur benötigen, weil sie in jeder Abstimmung ihre Interessen durchsetzen könnten. Wem aufgefallen ist, dass „Diktatur des Proletariats“ immer zur Diktatur von Parteiführern führt und dies in dieser Diktatur laut äußerte, wurde sehr schnell „physisch beruhigt“. Wer eine Diktatur benötigt, ist nicht die Klasse der Lohnabhängigen, sondern die Klasse der Kleinbürger (Kleineigentümer und Eigentümer mit

national begrenztem Eigentum, die durch Eigentum Lohnabhängige für sich arbeiten lassen). Auch das Bildungsbürgertum gehört zum Kleinbürgertum. Marx/Engels/Lenin waren ebenfalls Kleinbürger.

 

Herrschaft von Wenigen in Widerstands-Organisationen

Gegenwärtig erleben wir in den meisten Widerstandsorganisationen Orga-Fürsten, die naturgemäß das Recht der freien Meinungsäußerung in ihren Organisationen ebenso wenig mögen, wie die Obrigkeit, gegen die sie opponieren. Der Widerstand ist von Kleinbürgern dominiert, die

weit von radikaldemokratischen Prinzipien entfernt, sich immernoch nichts anderes vorstellen können, als ihre Herrschaft in ihrer kleinen organisatorischen Blase. Dieser Rückfall in die Ursache ihrer Opposition lässt natürlich ihre Organisationen schnell wieder degenerieren. Überdies sind Orga-Fürsten, weil sie eben Einzelpersonen sind, von den Repressiv-Organen leicht neutralisierbar. Fällt der Fürst, fällt auch die Organisation in sich zusammen. Einzelpersonen, um die ein Kult getrieben wird, sind eine sehr schwache organisatorische Basis. Sie

machen sich zur Zielscheibe und gefährden sich damit unnötig selbst. Nur sie, so ihr Glaube, können vernünftige Entscheidungen treffen. Alle anderen nicht. Alle Anderen bedürfen Führung. Besonders selbsternannte Führer linker Widerstandsgruppen leiden unter einem blinden Fleck in ihrer gewohnten Ideologie.

Die großen Führer des Sozialismus proklamierten die klassenlose Gesellschaft als Endziel. Aber sie vergaßen, dass jede Legitimation einzig und allein aus der Selbstgesetzgebung der Gesetzesunterworfenen entspringt.

Nicht Marx/Engels oder Lenin fanden dieses Grundgesetz der Legitimation heraus. Andere Akademiker, wie Rousseau zum Beispiel, Kropotkin, Hannah Arendt und Ingeborg Maus

erkannten diese Voraussetzung für politische Freiheit. Aber durch Personenkult und Erhebung ausgewählter Schriften von Marx/Engels/Lenin zu, man könnte sagen: religiösen Dogmen, durch kleinbürgerliche Führer, wurde eine schlüssige Synthese aus der kollektiven Weisheit aller Akademiker, für Selbstbestimmung und Freiheit von Lohnsklaverei, systematisch unterbunden. Die freie Rede in politische Debatten und Fraktionsbildung wurde (und sind heute noch) in „revolutionären“ Parteien verboten.

Natürlich haben derartige Organisationen nicht das Attribut „revolutionär“ verdient. Sondern ihre Prinzipien ähneln vielmehr denen von Sekten mit einem Sektenführer. Deshalb reagieren sie stets sektiererisch gegen alle Bestrebungen nach Freiheit und Selbstbestimmung, die im ureigensten Interesse der Klasse der Lohnabhängigen liegen. Im Ergebnis musste eine kastrierte Theorie im Praktischen blutig scheitern. Wieviele Menschenleben hat dieser historische Irrtum gekostet?

Die „Revolutionäre“ des 20. Jahrhunderts haben also nichts weiter vollbracht, als eine rote Kopie der bürgerlichen Herrschaft der Wenigen hervorzubringen, eine Kopie des Stellvertreter-Prinzips, in dem die Staatsbürger ihre Stimme abgeben müssen, an Vertreter. Zu Beginn mit dem guten Vorsatz, dass Funktionäre Rechenschaft ablegen müssen und jederzeit abwählbar sein müssen, welcher bald zu routinemäßig geschönten Rechenschaftsberichten und fast unüberwindbaren Hürden für ihre Abwählbarkeit mutierte.

1989 war die Kopie des bürgerlichen Parlamentarismus so vollkommen gelungen, dass dem entmündigten Bürger in der DDR völlig egal war, ob das Parlament nun „Volkskammer“ oder „Bundestag“ heißt. Dem entmündigten russischen Bürger war es ebenso egal, ob der „Volksdeputiertenkongress“ nun in „Russland“ Duma heißt, usw.. Denn der entmündigte Bürger hat sowieso nichts zu sagen, weder im Westen noch im Osten. Prinzipiell gilt überall dort, wo Herrschaft der Wenigen „Demokratie“ genannt wird, das Vertreter-Prinzip. Dieses Prinzip charakterisierte schon Jean Jacques Rousseau in seinem Werk „Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des politischen Rechtes“, das 1762 erschien, mit folgenden Worten, Zitat:

Der Gedanke der Stellvertretung gehört der neueren Zeit an. Die Vertretung ist der Ausfluß jener unbilligen und sinnlosen Regierungsform der Feudalzeit, in der die Menschenwürde herabgewürdigt und der Name Mensch geschändet wird. In den alten Republiken, ja sogar in den Monarchien hatte das Volk nie Vertreter; man hatte in der Sprache nicht einmal ein Wort dafür. Es ist höchst auffallend, daß man sich in Rom, wo die Tribunen so heilige Personen waren, nie einfallen ließ, sie könnten sich die oberherrlichen Rechte des Volkes anmaßen, und daß sie sich inmitten einer so großen Volksmasse nie versucht fühlten, aus eigener Machtvollkommenheit eine Volksabstimmung zu umgehen.“

Vielleicht wird daran deutlich, wie rückständig das politische System einer Repräsentativen „Demokratie“ tatsächlich ist. Er bezeichnete Entmündigung durch Stellvertretung als

Ausfluß jener unbilligen und sinnlosen Regierungsform der Feudalzeit, in der die Menschenwürde herabgewürdigt und der Name Mensch geschändet wird.“ Wenn man jetzt noch in Betracht zieht, dass die emeritierte Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte Ingeborg Maus

in ihrem Buch „Über Volkssouveränität – Elemente einer Demokratietheorie“ in der herrschenden Repräsentativen „Demokratie“ die „faktische Refeudalisierung des politischen Systems“ feststellen muss, so kommt vielleicht eine Ahnung für die Dimension der politischen Fäulnis „westlicher Demokratien“ auf und das Wort „Bananenrepublik“ erleuchtet in einer erstaunlichen Begriffs-Relevanz.

Maus hält...“, so kann man in der Buchbeschreibung der „Blätter Verlagsgesellschaft mbH“ nachlesen, Zitat: „… unbedingt an der Idee fest, dass nur die Selbstgesetzgebung der Gesetzesunterworfenen im Zusammenspiel mit der strikten Gesetzesbindung der gesetzanwendenden Instanzen Freiheit und Menschenrechte sichern kann.“ (Hervorhebung von mir, Quelle: https://www.blaetter.de/ausgabe/2012/oktober/gegengift-volkssouveraenitaet)

Wenn also der eingetragene Menschenrechts-Verein UMEHR e.V. vom Zweck des Vereins auf seinen radikaldemokratischem Charakter des Vereins schließt, so nur deshalb, weil der Zweck wirklich ernst gemeint ist.

Zweck des Vereins, Zitat (Auszug, 1. Satz): „Zweck ist die Vereinigung von Menschen, welche sich für die Verankerung der egalitären Menschenrechte der UN von 1948 in Verfassungen und Gesetzen durch ihre freien Entscheidungen als Staatsbürger engagieren.“

In Artikel 21, 22 und 23 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wurde 1948, noch unter dem Eindruck von Diktaturen und der Barbarei des 2. Weltkrieges folgendes erklärt und von allen Mitgliedstaaten unterzeichnet, Zitat:

Artikel 21

1. Jeder hat das Recht, an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter mitzuwirken.

2. Jeder hat das Recht auf gleichen Zugang zu öffentlichen Ämtern in seinem Lande.

3. Der Wille des Volkes bildet die Grundlage für die Autorität der öffentlichen Gewalt; dieser Wille muß durch regelmäßige, unverfälschte, allgemeine und gleiche Wahlen mit geheimer Stimmabgabe oder einem gleichwertigen freien Wahlverfahren zum Ausdruck kommen.“

Artikel 22

Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit sowie unter Berücksichtigung der Organisation und der Mittel jedes Staates in den Genuß der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind.

Artikel 23

1. Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.

2. Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

3. Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.

4. Jeder hat das Recht, zum Schutze seiner Interessen Gewerkschaften zu bilden und solchen beizutreten.“ (Hervorhebung von mir)

In Artikel 21 steht unter 1. das Recht an allen öffentlichen Angelegenheiten unmittelbar mitzuwirken an erster Stelle, unter 2. das Recht auf gleichen Zugang zu öffentlichen Ämtern und 3. „Der Wille des Volkes bildet die Grundlage“ für Legitimität. Das sind radikaldemokratische Prinzipien. Dass der Wille des Volkes auf die Wahl von vorausgewählten Vertretern reduziert werden soll, steht da nicht. Diesen Betrug, vor allem mit dem „Freien Mandat“, machen die Herrschenden ganz von sich aus, um für die Gesetzgebung im Widerspruch zu den Menschenrechten, den Willen der Reichen zur Grundlage zu machen.

In Artikel 22 wurde ein Recht auf Besitz formuliert (soziale Sicherheit), Anspruch auf alles nötige, das „eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert“. Volksherrschaft und Besitzrecht sind also, wenn auch umständlich formuliert und lückenhaft und im Widerspruch zum Eigentumsrecht, aber doch im wesentlichen und primär, als Menschenrecht proklamiert. Aber nur als Lippenbekenntnis auf Papier. Was noch aussteht, ist beides in Verfassungen und Gesetzen zu verankern. Deshalb hat UMEHR e.V. die ausstehende Ratifizierung als Zweck in seiner Satzung verankert.

Dass die Apologeten des Marxismus lieber weniger als mehr Demokratie möchten, ist ein vielfach belegter historischer Fakt, der sich auch ganz aktuell immer wieder neu bestätigen lässt, wie zum Beispiel in der jüngsten Kritik aus einer sozialdemokratischen Richtung, Zitat:

Die (…) -Orga hatte sich im Sommer 2022 von Umehr getrennt. Vorausgegangen war die Abkehr von Umehr von der ursprünglichen Zielsetzung, Verankerung der europäischen Menschenrechte lt. UN Konvention von 1948 in die europäischen Grundgesetze und Verfassungen hin zur Radikal- Demokratie als primäres Vereins-Ziel.“ Euer Orga-Team“ (Quelle: https://t.me/DemoKunsthalle)

Der Zweck des Vereins lautet kurz gefasst: Engagement für Gesetzgebung durch freie Entscheidungen als Staatsbürger. Engagement für Selbstgesetzgebung ist Engagement für

Radikaldemokratie oder mit einfachen Worten: für Selbstbestimmung. Davon hat es eine Abkehr dieser Orga gegeben, weil sie glauben, dass Menschenrechte und Selbstbestimmung nichts miteinander zu tun hätten. Damit derartige Unverständnisse in Zukunft vermieden werden, hat der erweiterte Vorstand des Vereins zugestimmt, auf der Homepage des Vereins eine Erklär-Seite über den Charakter des Vereins zu veröffentlichen, siehe: https://www.umehr.net/radikaldemokratie.

Radikaldemokratie ist linken „Orga’s“ (den bewussten und unbewussten Apologeten des Marxismus), aus politischen Gründen suspekt (zu viel Demokratie). Sie betrachten die Notwendigkeit der Legitimation ihrer Regeln als lästig.

Radikaldemokratie ist rechten „Orga’s“ (den Apologeten des Eigentumsrechts) aus ökonomischen Gründen suspekt (zu viel soziale Gleichheit). Denn: im Besitzrecht gibt’s keine Lohnsklaverei. Und ohne Lohnsklaverei keine Ausbeutung = keine Privilegien durch Reichtum für Einzelne auf Kosten anderer.

Was ist Radikaldemokraten suspekt? Radikaldemokraten ist Fremdbestimmung suspekt. Sie wollen Selbstbestimmung. Daraus folgt, dass ihnen die Aufspaltung der Gesellschaft in Klassen suspekt ist, weil das zu Lohnsklaverei und diese zum zum Klassenkrieg führt. Radikaldemokraten wollen Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung.

Rechts und Links sind nur zwei Begriffe aus der Parlaments-Sitzordnung seit der 1. französischen Nationalversammlung zur Zeit der Großen Französischen Revolution 1789. Links saß der 3. Stand (das Kleinbürgertum), rechts der Adel, vom Präsidium aus gesehen. Die Sitzordnung im deutschen Bundestag heute, ist immer noch traditionsgemäß: links Linke, SPD, Grüne (linkes Kleinbürgertum) und rechts AFD, CDU, FDP (rechtes Kleinbürgertum). Die Klasse der Lohnabhängigen ist draußen. Das waren sie auch schon immer, weil sie noch nie eine Vertretung in irgendeinem Parlament hatten, die ihre Interessen wirksam vertreten konnte, was im Eigentumsrecht durch verrechtlichte Korruption auch gar nicht möglich ist. Sie haben nur die eine Chance auf Ratifizierung ihrer Menschenrechte: Selbstgesetzgebung, als einzig legitimes Machtprinzip.

Holger Thurow-N.

(Zuerst erschienen in „Der Aufstand“, Nr. 52/22, 194. Ausgabe, 25.12.2022)

Friday, June 23, 2023

Weltschreibmaschinentag 2023 - 150 Jahre Schreibmaschinen!

Bis Schreibmaschinen in der uns heute bekannten Form entstanden, wurde "die" Schreibmaschine von ganz unterschiedlichen Personen über fünfzig Mal "erfunden", darunter visionäre Handwerker, geplagte Buchhalter, technik-begeisterte Rechtsanwälte, menschenfreundliche Ärzte und Pfarrer, kurzum: Menschen "from all walks of life" - und eben nicht nur von prominenten Erfindern wie Wolfgang von Kempelen (genau, der mit dem "Schachtürken"), aber der war beispielsweise auch dabei.

Die weltweite Gemeinschaft heutiger Schreibmaschinen-Enthusiasten hat sich darauf geeinigt, den Beginn der Schreibmaschine auf das Jahr ihrer erstmaligen Massenproduktion zu datieren, weshalb wir in diesem Jahr - und besonders am Weltschreibmaschinentag - das 150-jährige Jubiläum der Schreibmaschine feiern!

Heute benutzen Menschen Schreibmaschinen nach wie vor um Briefe zu schreiben und Formulare auszufüllen, aber auch das Schreiben persönlicher Journale (Trend "journaling") hat viele (wieder) zur Schreibmaschine gebracht. Schreibmaschinenschreiben tut einfach gut und ist eine herrliche Methode um "runterzukommen" ...

Einen besonderen Stellenwert haben Schreibmaschinen heute für Kreative, die die Konzentration und den "flow" schätzen, mit der sich auf der Schreibmaschine intensiv und ablenkungsfrei Romane, Kurzgeschichten, Drehbücher, Gedichte oder Rohfassungen für spätere Texte und Projekte schreiben lassen. Weil das so viel entspannender und "heilsamer" ist als digitale Medien, werden Schreibmaschinen 150 Jahre nach ihrem "Durchbruch" auch sehr gerne wieder von avantgardistischen "digital natives" benutzt. 

Wie vielseitig sich Schreibmaschinen für kreative Zwecke einsetzen lassen, beweist darüber hinaus ein Blick in die zeitgenössische Kunst. Ja, man kann sie vom Schrottplatz holen und atemberaubende Skulpturen aus ihnen bauen - hier auf dieser Seite siehst Du weiter unten eine Kunst, die die Schreibmaschinen unversehrt lässt und Schreibmaschinen benutzt um erstaunliche Kunstwerke auf Papier entstehen zu lassen.

-> Wer mehr über das heutige Leben mit Schreibmaschinen erfahren möchte, sprich: wie, was, wo, woher, wozu, weshalb, warum und was das mit Dir möglicherweise macht, findet hier Richard Polts Standardwerk zum Thema:

https://typewriterrevolution.com/

-> Einen exzellenten Überblick über die Entwicklungsgeschichte der Schreibmaschinen findest Du hier:

https://www.schreibmaschinenmuseum.com/de/

-> Hier erhälst Du einen ersten Einblick in die Schreibmaschinenkunst von James Cook:


 H A P P Y   T Y P E W R I T E R   D A Y !


 




Tuesday, June 6, 2023

Gastbeiträge von Nadine Hagen

Die Academia Tancredi freut und beehrt sich, mit der Hamburger Autorin Nadine Hagen eine weitere faszinierende neue Stimme der zeitgenössischen, deutschsprachigen Literatur vorstellen zu dürfen.Wir wünschen viel Freude mit den Kostproben aus ihrem Werk.

***

 Grauzonen

Rauschen. Unklar. Stimmen. Vögel.
Laune. Lila Laune.
Fragen. Was für Fragen?
Morgen? Morgen frage ich nach der Stunde.
Wofür Stunde? Zeit.
Zeitung. Kram. Blinde Struktur.
Leeeeeeere. Leerstelle. Fragen.
Lustig. Fragen.
Wen fragen? Mich fragen? Was fragen?
Antworten. Antworten erhalten.
Du bist doof! Haha.
Jaja. Lila Laune. Gras Grün.
Feierabend. Pause.
Ich gehe stramm.
Wildes Zeug. Kein Zeug. Morgenröte. Schamesröte. Klaro.
Schamesröte.
Weswegen denn?
Die Schur der Wolle erfolgte gestern. Schafswolle. Pelzwolle.
Haarwolle.
Schamesröte. Nein. Lila Laune.
Langatmiges Gequatsche. Julian.
Julian mag Kohlrüben.
Braune Erde mit pinken Tupfen.
Pinke Tupfen werden blau lila grün.
Leere. Stille.
Zeitungsgeraschel am frühen Morgen führt zur Morgenröte am
Abend.
Buchstaben springen in hohen Bögen raus. Auszeit von der Welt.
Vom Raum. Vom All.
Allzeit bereit zu gehen. In den Tod.
Der Tod kommt immer. Immer wieder. Jedes Jahr. Jeden Tag.
Jeden Morgen.

 

Grauzonen 

Morgenröte. Uh, die Morgenröte.
Kinderlachen schallt von der Schallplatte. Dunkle Rillen.
Tiefe Furchen zu neuen Ufern aufbrechen und sterben.
Ich sterbe NIE! Niemals.
Immer geradeheraus. Schweig.
Niemals. Schweigsam ist der Tod. Der Tod schweigt sich aus,
bis die Zeit verstummt. Verronnen ist. Gestorben ist.
Aufgelöst. Luftleerer Raum. Tagträumerei.
Morgen stehe ich nie wieder auf.
Liegenbleiben. Pause machen.
Fürsorglich. Für mich sorgen. Für dich sorgen.
Essen, schlafen und trinken.
Bier, Wein, Brot und Kuchen essen.
Blaubeerkuchen.
Blaue Beeren springen vom Brot.

 

***

 

Spiegelungen

Gefühlt ist Mia diesen Waldweg schon hundert Mal gegangen. Für
sie ist es nicht nur „ein“ Waldweg, es ist „der“ Waldweg. Er
führt sie zu einem kleinen See in einer Waldlichtung.
Es ist noch früh am Morgen. Die Luft fühlt sich kühl und
feucht an. Sie saugt den Duft der Bäume ein. Sie hört ein
Knacken im Unterholz und sieht Rehe davon springen. Die
Sonnenstrahlen werden durch die Baumkronen abgeschirmt. Das
morgendliche Blau des Himmels fällt durch vereinzelte Lücken
des Blätterdachs.
In der Ferne erscheint die Waldlichtung. Am Ufer des Sees
setzt sie sich in das noch feuchte Gras. Ihr ist es egal, dass
ihre Hose vollkommen nass sein wird. Sie schaut ins Wasser.
Dort liegt ihr Abbild. Im See. Ganz allein.


Beinahe sieben Jahre ist es her, dass sie genau an diesem Ort
mit Johannes war. Johannes und Mia redeten nicht viel, sondern
saßen mit Blick auf den See, stundenlang in sich versunken
dort. Sie mussten sich verabschieden. Johannes würde
fortziehen.
Es gab kein gemeinsames Foto, nur die Erinnerung an eine
gemeinsame Spiegelung in diesem See. In der Waldlichtung.
Ihrer Kraftoase.

 

***

 

Toteninsel 

Mein Mann ist verstorben.
Als Seefahrer war er zehn Jahre auf den Weltmeeren unterwegs.
Auf hoher See meisterte er Stürme, Monsterwellen und Flauten.
Als ihn aber eine Lungenentzündung erfasste, war er machtlos.
Sein Körper war zu ausgezehrt. Drei Jahre schlechte Ernten auf
unserem kleinen Stück Land und kaum noch Ersparnisse, um die
teuren Lebensmittel bezahlen zu können.
Innerhalb von vier Tagen verstarb er im Alter von nur 43
Jahren. Matthias wünschte sich eine weiße Trauerfeier.
 

Jetzt stehe ich hier auf dem Boot in weißer Trauerkleidung vor
dem Sarg. Wir steuern die Toteninsel an. Caron der Fährmann
rudert stumm das Boot über den spiegelglatten See. Der Anblick
der Insel lässt mich frösteln. Sie wirkt so unecht, so
surreal, eigentlich nicht existent, aber ich sehe sie und ich
sehe den Sarg meines Mannes. Am liebsten würde ich mich
dazulegen. Wie soll ich morgen mein Essen zu mir nehmen, wenn
ich weiß, dass ich nun für immer alleine essen muss.



Human Words Project

  Die Academia Tancredi unterstützt das "Human Words Project". Worum geht es? Die Organisatoren führen aus: "Als Reaktion auf...